Was davor geschah

Ok, ich gebe es zu: Ich habe für Martin Mosebachs Was davor geschah mehr als einen Anlauf gebraucht. Zum ersten mal habe ich mich mit diesem Roman im Rahmen eines furchtbaren NDL-Seminars an der LMU befasst. Am Anfang klang die Beschreibung des Veranstaltung total spannend, weshalb ich mir die Pflichtlektüre noch vor Semesterbeginn zugelegt hatte. Doch dann kam die Realität.

  Der Dozent war leicht unmotiviert und darauf aus, seine Meinung zu verbreiten, ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage dafür zu haben. Der Unterrichtsstil glich dem in der Mittelstufe am Gymnasium und nach einigen Sitzungen habe ich schweren Herzens das Seminar geschmissen. Das ist in meiner Studienzeit kaum vorgekommen und schon gar nicht bei einem Thema, das mich ansonsten sehr interessiert. Diesen Fleck der Schande schleppe ich nun seitdem mit mir herum. Zwischendurch ist er in Vergessenheit geraten. Ich hatte die Bücher in eine Box gepackt und auf dem Dachboden meines Elternhauses abgestellt, als ich loszog, die Welt zu entdecken. Doch bei unserem Umzug nach Berlin musste auch diese Kiste mit. Nun lag da der Mosebach und wollte gelesen werden. Ich drückte mich davor, sah ich doch immer das Gesicht des Dozenten bei der Betrachtung dieses Buches. Schließlich steht aber auf meiner Löffelliste sowas unsinniges wie „Jedes Buch bis zum Ende lesen, das ich angefangen habe“ und (bis auf ein paar schreckliche Ausnahmen) versuche ich, dieses Ziel zu erfüllen. So wurde Was davor geschah zu meiner U-Bahn-Lektüre auserkoren. Fatal. Denn ich musste immer und immer und immer wieder von Vorne beginnen, um den Sinn zu verstehen. Doch dann hat es mich doch gepackt und ich habe es verschlungen.

Zum Inhalt
Die Rahmenhandlung ist ein alltägliches Spiel zwischen Liebenden. Der Ich-Erzähler liegt mit seiner neuen Flamme im Bett und sie stellt die Frage aller Fragen: „Wie war es eigentlich, bevor wir uns kannten?“
Diese Frage ist der Auslöser für den gesamten Roman. Der junge Ich-Erzähler beginnt seine Geschichte mit seiner Ankunft in Frankfurt, wo auch der Großteil der Geschichte spielt. Durch einen Zufall wird er von einem neuen Bekannten auf eine private Sommerfeier eingeladen. Auf dem Weg zu diesem Vergnügen am Nachmittag trifft er in der Bahn eine junge Frau, die ihn verzaubert. Und schon kommen wir zum Hauptmotiv des gesamten Romans: Zufällig ist diese junge Frau Pheobe Hopsten, die Tochter der Familie, die das Sommerfest ausrichtet. Und zufällig ist es auch kein einfaches Sommerfest, es ist eine legendäre Sonntagsgesellschaft des gehobenen Frankfurter Kreises mit Pool, Drinks und Kakadu. Der Zufall ist es, der diese Erzählung vorantreibt und der zum Muster wird. Es geht um Liebe und Leben und wie sie durch absurde Zufälle schicksalhaft und fatal folgerichtig bestimmt werden. Der Ich-Erzähler schildert in der Beschreibung der letzten sechs Monate den festen Kern einer eingeschworenen Gruppe von Individuen, um die stets Eintagsfliegen kreisen dürfen, denen der Eintritt in diese abgeschottete Welt jedoch verwehrt bleibt. Jede der Hauptfiguren hat weitreichende geschäftliche Verbindungen und allgemein steht auch die Geschäftemacherei bei vielen ihrer Handlungen im Vordergrund. Doch die wahre Instanz, die alle Fäden zusammenhält ist der Erzähler selbst. Er malt die Ereignisse aus, schlüpft in die Gedankenwelt der andren Figuren und präsentiert das, was eigentlich keiner zu wissen vermag. Er ist es, der die Ereignisse filtert und in einen großen Kontext setzt. Sich selbst stellt er als eine belanglose Randfigur da, gerade wichtig genug, um etwas länger im Dunstkreis der Familie Hopsten zu verweilen und in uregelmäßigen Abständen Pheobes Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dennoch bleibt er eine Nebensächlichkeit, beinahe unsichtbar und doch mit Einblick in das gesamte Geschehen. Doch während er diese Geschichte seiner neuen Gefährtin erzählt, gibt er sich ganz anders. Er ist dominant, allwissend und in diesem Sinne auch allmächtig – genau wie ein richtiger Erzähler sein sollte.
Inhaltlich geht es irgendwann mal sehr prekär zu. Jeder betrügt den anderen und liebt ihn irgendwie doch. Es passiert so viel und doch so wenig. Und am Ende ist es wieder der Zufall, der Pheobe und den Ich-Erzähler keine gemeinsame Zukunft beschert, sondern etwas ganz anderes bereithält.

Meine Leseerfahrung
Wie ich oben bereits angedeutet habe, ist es mir nicht gerade einfach gefallen, einen Zugang zu diesem Roman zu finden. Was davor geschah ist nicht gerade ereignisreich. Es packt den Leser auf eine andere Weise, die erst im Laufe der Leseerfahrung entfalten werden muss. Es ist Mosebachs Erzählkunst, seine Wortgewandtheit, seine Sprachgewalt, die einen überwältigt und mit sich reist. Man muss sich aber darauf einlassen können. Durch genaue Beobachtungen und kluge Deutungen werden Personen, Begegnungen und auch Kakadus kunstvoll und prägnant dargestellt. Dieser Frankfurt-Roman hat nichts von heile-Welt-Allüren, sondern schlägt die die Realität hart, böse, fatal und komisch ins Gesicht – so wie sie nun mal ist. Der sprachmächtige Text ist nicht dazu da, um zu verzaubern. Er hinterlässt Fragen und Zweifel. Und das finde ich gut.

Lieblingszitat
Kakadus haben keine Ohrmuscheln, wieviel sie von entfernt Gesprochenem mitbekommen, ist nicht sicher. Aber sehr viel vernehmlicher Dialog fand auch nicht statt. Rosemarie trat ein und sah den Mann vor sich, den sie bei ihren Einladungen nicht mehr dabeihaben wollte und den sie entschlossen war, aus ihren Listen auszujäten. Seine gespannte Gehobenheit, seine Augenblicksschönheit mußten sich ihr sofort mitgeteilt haben. Salam war beredt und ein amüsanter Erzähler, aber dies war nicht die Stunde der Konversation. Die Textbasis, von der aus er bei solchen Gelegenheiten operierte, war außerordentlich schmal. Wienerisch-arabisch getönte, sehr dringliche, halblaut ohne Aufschub gesprochene Worte, die jede Konvention zwischen einer verheirateten Dame und einem Gelegenheitsgast wegfegten. Man kann die wenigen stets aufs neue wiederholten Sätze in ihrer Einfalt kaum wiedergeben, ohne Unglauben zu wecken. „Chmusen“ wolle er, ersehne sich danach, mit Rosemarie zu „chmusen“, das blieb ihr ihm Gedächtnis von dem, was er sagte, während er ihre Hände festhielt wie in einem samtgepolstertem Schraubstock und ihre ungläubige, unsicher abweisende Miene gar nicht wahrzunehmen schien. [S. 140 f.]

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