Unterwerfung

Eigentlich bin ich kein Fan von Dystopien. Das liegt vermutlich daran, dass wir im Französischunterricht der neunten Klasse eine Dystopie mit Robotern und Ausflugsverboten lesen mussten. Es hat mich nicht sehr gepackt und ich hatte das Genre für mich abgeschrieben. Witziger Weise musste ich an der Uni einen Kurs zu Utopie und Dystopie belegen. In diesem packte ein begabter Dozent längst verlorene Schätze aus (wie z.B. Die andere Seite von Alfred Kubin) und zeigte uns auch die dystopischen Elemente in Thomas Morus‘ Utopia auf. Sehr spannend. Dennoch hielt ich mich von dieser Art der Romane etwas zurück. Das dystopischste in meiner Freizeit der letzten Jahre war Orphan Black auf Netflix… bis ich Michel Houellebecq begegnete!
Na gut, ich begegnete ihm nicht wirklich – nicht mal in meinen Träumen. Aber bereits seit Monaten starrte mich dieser Vogel von der Spiegel Bestsellerliste an und machte mir bei jeder Begegnung ein schlechtes Gewissen. Ich sollte wirklich mehr lesen. Eines Tages gab ich nach und nahm ihn mit nach Hause.

Zum Inhalt
Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Literaturwissenschaftler François. Er ist Mitte 40, unterrichtet an der Pariser Universität und hat einen erhöhten Alkoholkonsum. Das liegt vermutlich an seiner Lebensführung. Denn François ist ein ewiger Junggeselle, der sich auch beruflich treiben lässt. An der Darstellung seiner Figur findet man kaum Eigeninitiative. Seine Beziehungen (meist mit Studentinnen) dauern nie länger als ein Jahr. Sie verlassen ihn für jemand anderen, jemanden mit Perspektiven. François verhält sich, als wäre es ihm egal und ertränkt den Verlust in Alkohol. Die Handlung setzt ein, als er gerade mal wieder verlassen wird. Von Myriam. Bis sie ihm aber mitteilt, dass sie einen anderen kennengelernt hat, hat sie einen anderen Grund, Abstand von François zu nehmen. Die politische Lage in Frankreich treibt sie und ihre Familie als französische Juden dazu, nach Jerusalem auszuwandern. Wir schreiben nämlich das Jahr 2022 und Frankreich befindet sich kurz vor der Präsidentschaftswahl. Zwei Lager stehen sich gegenüber und zwei Wochen vor dem ersten Urnengang ist der Ausgang noch ungewiss. Auf der einen Seite begegnet der Leser einer alten Bekannten. Marine Le Pen steht nach wie vor an der Spitze des rechten Front National und versucht, durch Diskriminierung von Minderheiten und einschlägigen Parolen die Wählergunst zu erlangen. Auf der anderen Seite spielt sich ein bisher ungedachtes Szenario ab. Es formiert sich eine dem Islam zugewandte Partei, die muslimische Bruderschaft, mit Mohamed Ben Abbes an der Spitze. Dieser steht während des Wahlkampfs für eine liberale Politik und verkörpert das Gegenstück zu Le Pen. Als nach dem ersten Wahlgang die Rechten führen, tritt die muslimische Bruderschaft in geheime Verhandlungen mit der sozialistischen Partei (PS) und den Konservativen. Währenddessen beherrschen bürgerkriegsähnliche Zustände die Straßen von Paris und ganz Frankreich. Es gibt aufstände, es wird randaliert, geplündert und geschossen. Als es unserem Protagonisten François zu viel wird, macht er die Biege. Es verschlägt ihn in den Süden des Landes, doch all zu weit kommt er nicht. Und langsam wird ihm auch bewusst, dass die Medien kontrolliert werden. Es wird kaum über die Unruhen berichtet. Erst als beim zweiten Wahlgang Wahllokale angegriffen werden und die Prozedur vertagt werden muss, wird die Öffentlichkeit informiert. Doch was der Normalbürger nicht weiß und François nur durch Zufall erfährt, ist die Gefahr von rechts. Denn neben der Front National bildet sich mit den Identitären eine rechte Untergrundbewegung, die das Land in Chaos stürzen möchte. Soweit kommt es nicht. Ben Abbe gewinnt die Wahl und ist plötzlich nicht mehr ganz so liberal. Die Polygamie wird eingeführt, Frauen aus dem Beruf gedrängt und Bildungseinrichtungen umgekrempelt. François verliert seine Anstellung an der Universität und verfällt dem Alkohol. Mal wieder. Er dümpelt vor sich hin, bis der Regierung auffällt, dass sie zu wenig Intellektuelle haben, die Frankreichs Nachwuchs ausbilden. François erhält ein einmaliges Angebot. Wenn er zum Islam konvertiert, kann er seinen Posten zurück haben und es werden ihm mehrere junge Frauen zur Verfügung gestellt, die er alle auf einmal heiraten kann. Doch das bedeutet auch, sich der Islamisierung Frankreichs zu beugen. Wie wird François sich entscheiden?

Das Besondere
Lassen wir mal den hervorragenden und packenden Schreibstil Houellebecqs außer Acht. Vergessen wir auch mal die Taschenbuchqualität von DuMont – diese Haptik, die Gestaltung, das Papier, der Duft – und konzentrieren uns auf das Beeindruckendste. Houellebecq spielt mit den Ängsten einer ganzen Nation und das auf eine so raffinierte Weise, dass man ihm das Schreckensszenario abkauft. Manch Unwissender hat behauptet, dass der Roman islamophob sei. Doch das wäre zu einfach, zu plump. Denn Houellebecq nimmt es mit einer ganzen Gesellschaft auf und hält ihr den Spiegel vor. Sie soll mal sehen, wie sich ihr Verhalten auf die nahe Zukunft auswirken kann. Wie verachtete Stereotypen Realität werden. In wenigen Tagen findet in Frankreich tatsächlich die Präsidentschaftswahl statt und ich habe noch immer die kleine Hoffnung, dass dieser tolle Schriftsteller seine Nation wachrütten konnte, dass das fast schönste Land der Welt mit den besten Macarons  und dem echten Champagner, mit den kleinen Obstständen am Mittelmeer und dem Multikultitreiben in der Hauptstadt, das Land, an dem so viele meiner Erinnerungen hängen, nicht ins Chaos stürzt, politisch aufwacht.

Lieblingszitat
Ich beschloss, zu Fuß nach Hause zu gehen, die Formalitäten für den Bankwechsel hatte ich mechanisch, fast reflexhaft erledigt; jetzt wollte ich nachdenken.  Als ich die Place d’Italie erreichte, überwältigte mich plötzlich die Vorstellung, dass alles verschwinden könnte. Die kleine Schwarze mit den Locken und dem knackigen Arsch in den engen Jeans, die auf den 21er-Bus wartete, die würde sicher verschwinden – verschwinden oder zumindest einer ernst zu nehmenden Resozialisierung unterzogen werden. Auf dem Vorplatz des Einkaufszentrums Italie 2 standen wie üblich Aktivisten, heute von Greenpeace – auch die würden verschwinden. Als ein junger Bärtiger mit halblangem, dunklem Haar und einem Packen Prospekte auf mich zukam, blinzelte ich, und es war, als wäre er bereits verschwunden; ich ging an ihm vorbei, ohne ihn zu sehen, und trat durch die gläsernen Türen, die in das Erdgeschoss des Ladengalerie führten. [S. 80]

Der Autor
Oh, Michel Houellebecq, was wäre die europäische Literaturlandschaft ohne dich und dein Wuschelhaar?! Seit 2000 werden seine Werke ins Deutsche übersetzt und bereichern durch Kritik. Seine Protagonisten sind meist Egozentriker, Narzissten, verloren in einer Konsumgesellschaft, die der Konsequenzen ihrer Taten nicht bewusst ist.

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