Letzte Freunde

Irgendwann hat jedes vergnügliche Abenteuer ein Ende. So auch meine Reise mit Old Filth durch den fernen Osten und in die geheimen Ecken einer längst vergessenen englischen Landschaft. Und auch wenn schon einige Wochen vergangen sind, seitdem ich das Buch zuklappen musste, fällt es mir noch immer schwer, mich zu verabschieden. Es ist genau das Richtige, um aus dem Alltag zu fliehen und in eine andere Welt einzutauchen. Seien wir mal ehrlich: Spätestens seit der Lektüre von Stolz und Vorurteil und nach dem Suchten der gleichnamigen Verfilmung mit Keira Knightley zieht es einen in stressigen Situationen auf die Felder Großbritanniens. Man stellt sich vor, wie man durch Regen und Wind einem höheren Sinn folgt und alles wird irgendwie anders nach einem ausgedehnten Spaziergang in Derbyshire. Auch bei Old Filth wird im letzten Band der Trilogie alles anders. Denn nach Ein untadeliger Mann und Eine treue Frau wird die verwirrende Dreiecksbeziehung um Old Filth aus Sicht seines Erzfeindes Terry Veneering.

Inhalt
Nun ist sie tot, seine Betty. Old Filth sitzt in seinem Haus in den Donheads und vermisst sie. Und jetzt zieht auch noch Veneering nebenan ein. Ausgerechnet hier. Er dachte, er habe diesen aufgeblasenen Stinkstiefel für immer los. Aber dem ist nicht so. Und wie der Zufall oder auch das Schicksal es so will, schließt sich Old Filth aus, Veneering ist der Retter in Not. Die beiden Feinde sitzen sich an einem kalten Wintertag gegenüber und sind auf einander angewiesen. Der Glanz längst vergangener Tag mag dieses kalte Zimmer, in dem sie sich anstarren, nicht mehr erleuchten. Sie reden. Sie werden zu den letzten Weggefährten. Doch sie sagen nicht alles. Es bleibt unausgesprochen, wie sehr Old Filth seine Betty vermisst. Es bleibt auch unausgesprochen, wie sehr Veneering sie geliebt hat. Eddie erfährt auch nichts von Veneerings Herkunft; seinem Glück, aus dem Armenviertel herauszukommen und durch Glück und viel Ausdauer sich einen Platz unter den Stars der Bauwesenanwälte in der Zeit des Empires gekämpft zu haben. Und obwohl sie so viel verschweigen, finden Eddie und Terry eine gemeinsame Sprache. Sie füllen die Leere des anderen. Und als gerade Old Filth feststellen muss, wie Veneering sein Leben bereichert, verschwindet dieser auch wieder. Er reist nach Malta und entschwindet – auf zu Betty. Eddie will dann nur noch in den Fernen Osten und sich verabschieden. Was ihm auch gelingt. Doch die Geschichte geht weiter. Denn was bleibt, sind alte Freunde. Diese werden in Einsamkeit gehüllt und werden plötzlich zum Mittelpunkt eines zerfallenden Freundeskreises. Die Nebenrollen werden nun genauestens beleuchtet und Geheimnisse enthüllt – auch die von Betty, Old Filth und Veneering. Und der Leser fragt sich auf einmal, wie die Geschichte wirklich abgelaufen ist. Aber vielleicht gibt es in der Liebe und im Leben nie die eine Wirklichkeit, keine eindeutige Wahrheit, sondern nur ein Gefühl, das auch einen selbst überleben kann.

Lieblingszitat
Terry hatte einen Eckplatz im Erste-Klasse-Wagen der Fondles, aber als der Zug Geschwindigkeit aufnahm, stand er auf, öffnete mit dem Lederriemen das Fenster und steckte den Kopf hinaus in den windigen Tag. Er war sofort gefangen vom Schleifen und Rattern des Zugs und dem plötzlichen, wissenden Tuten. Er betrachtete die Reihen grober, roter Häuschen und die hageren Schornsteine der Eisenhütten dahinter. Hinter ihm lagen die Cleveland Hills, wo Mr Smith mit seiner kranken Frau und dem kleinen Fred lebte. Hinter den Schornsteinen, unsichtbar für Terry, rollte das Meer an die Minenfelder in den Sanddünen, die Wellen kamen dicht an den Stacheldraht und Mr Parable heran. die Landschaft seines gesamten Lebens geriet außer Sicht. Da war der lange Zaun am Ende von Mr Fondles Schulgelände. Neben dem leeren Fives-Platz hing ein »Zu verkaufen«-Schild, das vom Zug aus gut zu sehen war.
Dicht an diesen Zaun gedrückt, die Arme dem herannahenden Zug entgegengestreckt, stand mit offenem Mund und sehnsuchtsvollem Gesicht, mit Panik im Blick und blind vor Angst, seine Mutter.
Dann war der Zug auch schon vorübergerast, und Terry stand am Fenster, bis Veronica Fondle ihn am Mantel zupfte und ihm sagte, er solle das Fenster schließen und sich setzen.
Terry Venetski sollte nie erfahren, ob seine Mutter sein leidenschaftliches Winken gesehen hatte. [S. 112 f.]

Das hat mir besonders gefallen
Für Bücher, wie die von Jane Gardam, habe ich leider nur selten Zeit. Um so mehr hat die Rebellion gegen meine Leseliste sich gelohnt. Denn die Welt, in die uns diese Autorin entführt, könnte nicht bezaubernder und zugleich realistischer sein. Man liest nicht nur eine kurzweilige Geschichte, sondern taucht ein und wird Teil der Geschichte. In den drei Bänden fiebert man mit, wie Eddie das erste mal echte Freunde findet, wie Betty und er sich verlieben, in welche Zweckmühle Betty gerät. Und obwohl die Geschichte und ihre Facetten Band und Band immer wieder neu beleuchtet wird, wird es nie langweilig. Der Leser ist den Protagonisten immer einen Schritt voraus und kann es kaum erwarten, wie ihre Reaktion auf das Vorbestimmte ausfallen wird.

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