Harry Potter und das verwunschene Kind

Harry Potter gehört zu meinem Leben. Ich glaube, ich kann auch voller Selbstbewusstsein sagen: ich bin die #HarryPotterGeneration! Als ich in die fünfte Klasse kam, bekam Harry seinen Brief von Hogwarts und unser gemeinsames Abenteuer begann. Die Harry Potter Mania hatte auch das kleine Städtchen ergriffen, aus dem ich komme. Ich gehörte keinstenfalls zu denen, die sich in einen Umhang schmissen und bei der Veröffentlichung eines neuen Bandes um Mitternacht in der Buchhandlung aufkreuzten, aber ich hielt mir bei Vorlesewettbewerben durchaus die Ohren zu, um kein Opfer von Spoilern zu werden. Und ja: Als bekannt wurde, dass die magische Welt des berühmten Zauberschülers verfilmt werden sollte, spekulierte ich auf die Rolle der Hermine. Ok, meine Eltern hätten es vermutlich niemals zugelassen. Den Wunsch, am Casting teilzunehmen, wagte ich nicht mal, laut zu äußern – niemand hätte mich nach Großbritanien begleitet. Aber die Idealvorstellung blieb. Ich war der festen Überzeugung, dass schon allein meine Haarfarbe mich für diese Rolle qualifiziert. Heimlich hoffte ich, dass eines Tages irgendjemand vom Filmteam durch unsere Straße spaziert, mich beim Völkerball sieht und freudig ruft: „Du bist Hermine!“ – Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und liebe Emma Watson, so sehr ich dich verehre, nimm dich in Acht! Mein großer Auftritt kommt noch!

Vor einiger Zeit wurden die Gerüchte laut, dass Joanne K. Rowling wieder am Harry Potter Universum schreibt. Wollte sie es nicht lassen, weil alles so perfekt war? Ich freute mich auf jeden Fall sehr, denn ich liebe Bücher und ich liebe Harry Potter, also liebe ich auch Harry Potter Bücher. Dennoch musste ich mich gedulden. Obwohl ich immer eine Verfechterin der These bin „Man sollte Bücher in der Sprache lesen, in der sie geschrieben wurden“, um die Autenthizität zu wahren und keine Verfremendung durch Übersezung in Kauf zu nehmen, wollte ich Harry Potter und das verwunschene Kind auf Deutsch lesen. Ich wollte, dass es so ist wie früher. Ich wollte dieses Gefühl noch einmal haben, die Stimmen, die Bilder, sogar den Duft von Butterbier.

Nun war es vor wenigen Wochen soweit. Ich kaufte das Buch, nahm es in meine Lieblingsstadt und war bereit, es zu verschlingen.

Zunächst sei gesagt, dass das Buch eigentlich ein zweiteiliges Drama mit jeweils zwei Akten ist. Es gibt Dialoge, Monologe, ein bisschen Bühnen- und Situationsbeschreibung und sonst gibt es nur dich und deine Fantasie. Jetzt zahlt sich das Sitzfleisch aus, dass du vor Jahren beim Welzen der dickharry-coveren Schmöcker der Originalgeschichte hattest. Nur duch einen Wink, ein Wort entsteht in meinem Kopf Großbritanien, London, Gleis 9 3/4, Hogwarts und die Peitschende Weide. Und dann wird es abstrus.

Ich möchte vom Inhalt nicht all zu viel verraten, denn schließlich könnt ihr euch wohl schlecht beim Lesen die Augen zuhalten, um jedem Spoiler zu enkommen. Aber ein paar Frage habe ich doch: Waren die Figuren schon immer so schnulzig? Ja, ja, ich habe die Szenen am Ende jedes Buches nicht vergessen, als – meistens – Dumbledore  Harry erzählte, wie toll er ist, was er Gutes gemacht hat, indem er nicht auf die sehr kurzsichtigen Erwachsenen gehört hat, wie sehr er geliebt wird, was er noch Großes leisten wird und wie sehr ihn seine Mutter geliebt hat. Aber im Ernst: War das so schnulzig?

Jana Seelig schreibt in ihrem Beitrag für die Huffington Post von ihrer Enttäuschung. Sie hat viele gute Momentaufnahmen erbracht, denen ich mich gerne anschließe. Sie spricht dabei auch offen das Fehlen von homosexuellen Charakteren und Hermines Absturz zu einem Heimchen am Herd an. Die Rede ist von der Zerstörung unseres so geliebten Harry Potter Universums.

Leider hat sie recht. Das Buch ist ein großes Wirrwarr mit einem absurden Ende. Auf das ich doch noch eingehen möchte.

Zum Inhalt
Harry Potters zweiter Sohn, Albus Severus, kommt nach Slytherin. Dort freundet er sich mit Draco Malfoys Sohn, Scorpius, an, um den es Gerüchte gibt, er sei das Kind Voldemorts. Er ist es nicht. Aber es gibt da jemand anderen… ich will nicht zu viel verraten. Albus Severus hasst Harry, weil er sich unverstanden fühlt. Er sieht sich unter Druck, im Schatten seines Vaters. Als er erfährt, dass Cedric Diggory – warum musste dieser arme Tote wieder auferstehen – wegen Harry sterben musste, will er ihn retten. Er und Scorpius überlisten Hermines (!) Logik und kommen in den Genuss, durch die Zeit zu reisen und die Gegewart zu verändern. Das läuft immer so ab: Sie reisen, bauen Mist, kommen Zurück, alles ist anders und meistens furchtbar und reisen wieder. Ein Gutes hat die Zeitreiserei. Severus Snape, der lang verkannte Held der Heptalogie, wird wieder zum Leben erweckt und man kommt noch einmal in den Genuss seiner Genialität. Aber nur für kurze Zeit. Irgendwann bleiben die beiden in der Zeit stecken und zwar an dem Tag, an dem Voldemort Harrys Eltern tötet. Wie es der Zufall will, schenkt Harry in der Erzählgegenwart seinem Sohn die Decke, die einst seine Mutter um ihn gewickelt hatte. Albus Severus findet das doof und schmeißt sie in die Ecke. In der Vergangenheit ist das die Rettung. Die Jungs beschmieren die Decke mit einem Mittel, dass anfängt zu brennen, wenn es mit einem anderen bestimmten Mittel in Kontakt kommt. In der Schmiererei ist zu erkennen, wo und wann sich die beiden aufhalten und in der Erzählgegenwart? Richtig! Harry und Ginny stehen rum, plötzlich kippt was um, die Decke qualmt und tadaaaa – sie können ihren Sohn aufspüren.  Ist das nicht wunderbar, dass alles so gut zusammenpasst? Nein. Aus zwei Gründen: Zuerst mal hätte es Albus Severus wirklich ordentlich verdient, eins auf die Nase zu bekommen. So ein Jammerlappen. Und ständig schiebt er die Schuld auf andere. Und der zweite Grund: Früher war alles raffinierter. Man musste sein Hirn anstrengen. Details verbinden, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten.

Warum ich das Buch dennoch weiterempfehlen würde
So sehr mich auch die Mängel am „achten“ Teil von Harry Potter stören, ich kann es nicht vollkommen verwerfen. Wir sind mit dem Zauberer und seinen Abenteuern aufgewachsen und er ist Teil unseres Lebens. Man wirft ja auch keine Freunde über Bord, nur weil sie sich mal seltsam benehmen, oder betrunken rumpöbeln und einen blamieren. Ich denke nicht, dass Joanne K. Rowling Harry Potter und das verwunschene Kind rausgehauen hat, um schnell ein paar Millionen zu horten. Das hat sie wahrscheinlich gar nicht mehr nötig. Sie probiert rum, testet, ob wir ihn noch lieben. Man könnte es auch Harrys Midlife Crises nennen, die er nun mal überwinden muss.

 

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