Eine treue Frau

Vor einiger Zeit habe ich euch bereits den Roman Ein untadeliger Mann von Jane Gardam vorgestellt. Nun hatte ich endliche die Zeit, den zweiten Teil der Triologie zu lesen, und bin mehr denn je verzaubert. In Eine treue Frau wird – wie bereits auch schon in vorhergehenden Roman – das Leben von Old Filth betrachtet. Doch der zweite Band gibt der gesamten Geschichte eine unerwartete Dimension, die eine nähere Betrachtung wert ist.

Zum Inhalt:
Die Handlung setzt in dem Moment ein, als Edward mit seinem eher mysteriösem Freund unterwegs von England nach Shanghai ist, um einerseits einen gr0ßen Fall des Baurechts zu verhandlen und um andererseits seine Verlobte zu sehen. Die Verlobung an sich fand auf dem Papier statt. Zuvor hatte Edward Betty einen Brief geschrieben und trocken um eine Heirat gebeten.Gardam_25074_MR.indd Dennoch ist Betty überglücklich – denkt sie. Die Verlobung steht unter einer Bedingung. Der ehemalige Raj-Waise fordert lediglich: „Versprich mir, dass du mich nicht verlässt!“ Nach Edwards Ankunft entwickeln sich die Dinge anders als gedacht. Betty steht bei seinen Unternehmungen an letzter Stelle, er wird zur Lichtgestalt in ihrem Leben. Da auch ihre treue Reisebegleiterin spurlos abtaucht, fühlt sie sich allein und dann wieder nicht. Denn da ist dieser Junge, der von ihr die Aufmerksamkeit fordert, die ihm seine Eltern nicht geben können. Betty entwickelt für den Jungen ein Verantwortungsbewusstsein und mütterlichere Gefühle als seine eigene Mutter. Blöd nur, dass das der Sohn von Edwards Erzfeind Veneering. Er übersieht Bettys Zuneigung zu seinem Sohn nicht und fängt an, auch für sie etwas zu empfinden – kann es Liebe sein? Betty begibt sich auf ein Abenteuer, das auf den ersten Blick nur kurz dauert. Und da ist noch Edwards Freund Ross, der von allem zu wissen scheint. Die Hochzeit findet statt, so viel sei gesagt. Der Leser wird Bettys treuer Begleiter durch ihr Leben und merkt, dass hinter der Fassade Abgründe existieren, die nicht überwunden werden können. Es ist ein Buch über Liebe, Begehren, Ehe, Freundschaft, Vergebung und das Ankommen – Zuhause.

Lieblingszitat:
Der Garten war eine Lichtung, aus einem Wald herausgeschnitten. Der Grasstreifen, der bis zu einigen weiter entfernt stehenden Bäumen reichte, war mehr Wiese als Rasen, und die verschwundenen Bäume schienen nur darauf zu warten, sich ihre Heimat zurückzuerobern. Sie spürte, dass sich unter dem Rasen Leben regte, die Winden standen schon mehrere Fuß hoch und suchten nach etwas zum Festhalten. Sie schwankten wie unter Wasser. Sonst gab es nicht viel, nur das schwindende Licht und den perlmuttfarbenen, stillen Himmel. (S. 184)

Was ich an dem Roman mag:
Die Handlung des Romans bietet Raum für einen wenig diskutierten Teil der britischen Geschichte: die Raj-Waisen. Anhand einzelner Figuren kann man die Entwicklung dieses vergessenen und verlassenen Kinder mitverfolgen und ihre Ängste vor Bindungen, dem Verlassenwerden und weiterer Defizite in den sozialen Kompetenzen nachvollziehen. Darüber hinaus liebe ich es, wie ein Buch nach dem anderen weitere Schichten einer Geschichte aufdeckt, die an Tiefe und Facetten gewinnt und das komplexe menschliche Miteinander aufschlüsselt. Und ein wichtiger Aspekt darf bei der Liste der Argumente für diesen Roman nicht fehlen: Jane Gardam schafft es mit Leichtigkeit eine Welt zu erschaffen, nach der man sich sehnt. Sei es der ferne Osten, der Edward und Betty eine Heimat ist, oder England und insbesondere die Donheads, die zu ihrem Zuhause werden. Man möchte die Koffer packen und an die bezaubernden Orte reisen, die Gardam mit Symbolik versieht und sie zu essentiellen Komponenten ihres Schaffens macht. Meine nächste Reise nach England ist Dank diesem Meisterstück längst geplant. Viel Spaß beim Lesen.

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