Die unsterbliche Familie Salz

Schon  in Anna Karenina schrieb Leo Tolstoi: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” Nun ja, ich hatte vor einigen Wochen so richtig Lust auf die Geschichte einer unglücklichen Familie. Denn darüber kann man ziemlich viel erzählen. Darum ist es auch kein Wunder, dass bei meiner letzten Buchladeneskapade Die unsterbliche Familie Salz in der Einkaufstasche gelandet ist. Wie auch sonst, hatte mich nach dem Einkauf das schlechte Gewissen geplagt. So viele neue Bücher für so viel Geld und so wenig Zeit zum Lesen. Und was ist mit den Büchern, die ich mir letztes Mal gekauft habe? Sie habe ich doch auch noch nicht gelesen. Der Stapel im Gästezimmer wächst und wächst. Doch um kein Buch zu bevorzugen, verstaute ich meine neusten Schätze ganz unten. Eins nach dem anderen. Dann kam eine Lesepause – zumindest was die Freizeitlektüre angeht. Ricoeur nahm mich ganz ein und ich verbrachte die Abend damit, durch seine Theorie der narrativen Identität durchzusteigen; bisher mit wenig Erfolg. Irgendwann mal hatte ich die Schnauze voll. Ich verbannte Ricoer erneut zu meiner U-Bahn-Lektüre und schlich zu meinem Stapel ungelesener Bücher. Ich konnte nicht umhin, den Reiz von Kloebles neustem Roman zu bemerken. Diese Einfachheit, das verblassende Weiß des Umschlags, das die Vergänglichkeit in sich trägt, und die edlen kupferfarbenen Buchstaben, nicht zu vergessen, welch prächtigen Schatten das Buch im Schein meiner Schreibtischlampe auf das Bücherregal warf…

Zum Inhalt
Die Geschichte der Familie Salz ist eine ganz besondere. Denn sie handlet nicht nur vom plötzlichen rapiden Aufstieg einer Familie und ihrem langsamen Fall, sondern auch von der deutschen Geschichte. Die Darstellungen überwinden die Schulbuchdarstellungen und es wird ziemlich persönlich. Vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, Nachkriegszeit, DDR/BRD und Wiedervereiningung bis in die heutige Zeit begleitet der Leser die einzelnen Familienmitglieder, die sich um die Matriarchin Lola Salz sammeln. Im Mittelpunkt steht nicht etwa das Sehnen nach dem Fürstenhof in Leipzig, der vom einstigen vermeitlichen Taugenichts Herr Salz – Lolas Vater – gekauft wird, und dann verloren geht, sondern die Angst vor dem Leben, die Sehnsucht nach der Perfektion und die unbeschreibliche Beziehung jedes einzelnen der Protagonisten zu ihrem jeweiligen Schatten. Da wäre zunächst Lola, die mit ihrem Schatten auf dem Dach des Fürstenhofs tanzt und es nicht ertragen kann, wie der Schatten ihrer geliebten Mutter zunehmend verschwommener wird; Ava, die Angst vor Menschen ohne Schatten hat; Kurt, Lolas Sohn und Avas Bruder, der den familiären Wahn um die Schatten nicht versteht bis es zu spät ist; Emma, Kurts Tochter, deren Schatten noch vor ihrer Geburt spricht und viele mehr. Packend ist auch die Erzählperspektive des Romans, denn es gibt nicht nur eine. Aus unterschiedlichen Blickwinkel werden die Geschichte der Familie Salz mit alle ihren Wirren beleuchtet und der Leser weiß am Ende  im Vergleich zu den Protagonisten um die Absurdität des Daseins und dass keiner seinem eigenen Schatten entrinnen kann.

Das Besondere
Kloeble schafft es mit seinem neuen Werk mal wieder einen Kosmos aufzubauen, in den man während der Lektüre mit Leichtigkeit eintaucht und den man nicht verlassen will. Was ich besonders mag, ist der Hauch vom Magischen Realismus, der durch den Roman weht, und dennoch die Realität niemals infrage stellt. Auch der Perspektivwechsel der Erzählinstanz wurde perfektioniert. Mit jedem neuen Erzähler wird ein neuer, autentischer Ton angeschlagen. Die Wortwahl wird dem Millieu angepasst, als wäre es tatsächlich einfach unterschiedliche Personen, die sich um den Lesesessel versammelt, um dir und nur dir die Geschichte der unsterblichen Familie Salz zu erzählen.

Lieblingszitat
Vertraue den Schatten, Emma. Darum möchte ich, dein zukünftiger Schatten, dich bitten, solange du mich noch verstehen kannst. Spätestens mit deiner Geburt wirst du diese Fähigkeit leider verlieden, so wie du jüngst Schwanzfortsatz und Kiemenanlagen eingebüßt hast. Menschen! Ehe sie begreifen, was sie besitzen, haben sie es bereits verloren. Deshalbt musst du mir jetzt aufmerksam zuhören. Damit du weißt, was dir sonst niemand mitteilen wird. [S. 271]

Der Autor
Christopher Kloeble ist nicht nur jung, sondern auch außerordentlich begabt – eine gefährliche Mischung. Die deutsche Literaturszene mischt er bereits seit 2004 auf. Seine Werke behandeln vor allem das eigentümliche Gebilde der Familie, das wir alle gemeinsam haben und das sich doch nicht in eine Schublade packen lässt.

Schreibe einen Kommentar