Der nasse Fisch

Gestern Nacht wurde ich von lautem Getose auf unserer Straße geweckt. Während ich den Abend friedlich auf der Couch verbracht hatte, hat sich offenbar ein riesiger Konvoi an Filmfahrzeugen neben unserem Haus aufgebaut und als es an der Zeit wurde, schlafen zu gehen, haben diese mysteriösen Filmemacher erst richtig mit der Arbeit begonnen. Nun will ich nicht meckern. Wenn ich müde bin, kann ich ohnehin bei jeder Lautstärke schlafen und es war ganz schön spannend, das Getümmel unten auf der Straße zu beobachten. Doch da wir keine Benachrichtigung erhalten haben, was da überhaupt gedreht wird, verbrachte ich auch die späten Abendstunden damit, zu ergooglen, was es denn sein könnte. Als ich dann auf das Projekt Babylon Berlin stieß, konnte ich es kaum fassen. Eines der schlechtesten Bücher, das ich gelesen habe, soll verfilmt werden. Volker Kutschers Der nasse Fisch. Im ernst???

Zum Inhalt
Gereon Rath wird als Polizist aus dem Pott nach Berlin versetzt und das im Jahr 1929. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass er im Einsatz einen Verbrecher angeschossen hat und dadurch in Ungnade gefallen ist. Jedoch hat er den gravierenden Vorteil, der Sohn eines hohen Polizeitieres zu sein. Dieses ruft seinen alten Kumpel in Berlin an und schwuptiwups hat Gereon schon eine Stelle − doch leider nicht im Mordkommission, sondern bei der Sitte. Er zieht bei Elisabeth Behnke ein, einer verwitwten Frau in den 30ern, die zwei ihrer Zimmer untervermietet, um so ihren Lebensunterhalt zu sichern. Und dann passiert es nun mal, dass diese sich in ihn verknallt und schon sind sie im Bett und das obwohl Gereon wohl nicht so auf Körperpflege steht (Hallo??). Naja, die Geschichte plänkelt eher vor sich hin. Es wird eine Leiche in einem Kanal gefunden und Gereon Rath sieht seine große Chance, den Fall zu lösen und in der Gunst des Präsidiumsleiters aufzusteigen. Zu keinem Zeitpunkt des Lesevergnügens kommt auch nur ein geringer Zweifel auf, dass er es nicht schaffen wird. Auf dem Weg zum Erfolg bringt er selbst noch jemanden um (ein mieser, fieser, böser Oberverbrecher, der auch noch einen seltsamen Hut trägt), verschachert ihn in zufällig frisch angerührtem Beton, kann trotz Fundes der Leiche sich aus der Affäre ziehen und findet dabei plötzlich heraus, dass sein bester Freund auf der Arbeit (den er echt schon mindestens vier Wochen kennt) auch ein Bösewicht ist. Nun sei es drum. Ich habe mich auch nicht mehr gewundert, dass das Ganze noch eine politische Note erhält und SA-Stories reingezogen werden, dann noch die Russen und ein verschollener Schatz (der – im Gegensatz zum Bernsteinzimmer – tatsächlich wieder auftaucht). Es finden sich noch ein Haufen anderer Leichen, die es aber fast alle voll verdient haben, und dann gibt es auch noch diverse Ausflüge in die Schwulenszene der 1930er, in die verwegenen Machenschaften der Pornoindustrie usw. usf.
Dann gibt es noch die Stenotypistin Charlotte Ritter, die für einen übergewichtigen, mürrischen Kommissar in der Mordabteilung arbeitet. Sie ist aber natürlich viel zu Der nasse Fischklug für diese Stelle, weshalb sie in ihren kurzen Kleidern nicht nur tanzen geht, sondern auch noch studiert. Sie verliebt sich in Gereon und Gereon in sie und sie haben unter anderem eine wilde Nacht in Gereons Domizil. Da ist aber Frauenbesuch verboten, weil das Elisabeth Behnke nicht pralle findet. Und dann findet diese arme Frau, die mit solchen Rüpeln zusammenleben muss (der zweite Mitbewohner, ein Journalist, scheint auch nicht so das Gelbe vom Ei zu sein – ständig schläft er oder tippt oder trinkt Kaffee und hat auch Damenbesuch, kann den aber besser verbergen), auch noch eindeutige Beweise, dass Gereon nicht nur mit ihr, sondern auch mit anderen schläft. Daraufhin vollzieht sie eine Wandlung, die einer griechischen Tragödie gerecht werden könnte, sie mutiert zur Furie, schmeißt Sachen durch die Gegend, Gereons Zeugs aus dem Fenster und schreit. So viel Temperament hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Auch Charlotte wird sauer. Als sie nämlich rausfindet, dass Gereon − ohne es jemanden zu sagen − an dem Fall arbeitet, den eigentlich ihre Abteilung klären soll. Darauf beschließt sie, dass er sie nur aushorchen wollte, und findet ihn von da an ziemlich doof. Das ändert sich ja, Gott sei Dank, und nicht zuletzt durch den cleveren Schachzug Gereons, sich die schicke Karre seines Mitbewohners (ja, der Journalist hat auch noch ein Auto, was fällt ihm ein?!) auszuleihen. Also alles prima am Ende. Viele tot, Behnke verbittert und von der ersten Liebe nach dem Tod ihres Mannes enttäuscht, die Welt gerettet und Gereon mit Aussicht auf Geschlechtsverkehr. Eine bessere Krimigeschichte kann man sich wohl kaum vorstellen. Ach, euch ist nicht aufgefallen, dass es ein Krimi ist? Das steht nun wahrlich nicht im raffinierten Vordergrund dieses Werkes. Übrigens: Das Buch heißt „Der nasse Fisch”, weil in Gereons Verein ungelöste Fälle so heißen. Ist es nicht ein wahnwitziger Zufall, dass die erste Leiche des Romans tatsächlich nass aus einem Kanal geborgen wird? Vielleicht ist der Tote auch noch Fisch von Sternzeichen. Ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich: Hätte ich das gewusst, hätte ich den Titel meines ersten Romans, den ich jemals angefangen habe zu schreiben und das im zarten alter von elf Jahren, „Der Dachs unter Daxen” schon längst an ein erfolgreiches Verlagshaus verkauft.

Was ich besonders furchtbar fand
Lassen wir den Schreibstil mal beiseite. Die kurzen Sätze, das Abschweifen in den Berliner Dialekt (natürlich nur im ungebildeten Milieu) und die simplen Dialoge könnten durchaus den Geschmack von jemand da draußen treffen. Was mich wirklich genervt hat, war die plumpe Charakterdarstellung. Sie sind alle so flach. Das Offensichtliche wird einfach genannt. Es steckt keinerlei Raffinesse hinter der Beschreibung, die einzelnen Personen entwickeln sich auch nicht und schon gar nicht Gereon Rath. Darüber hinaus werden viele Erzählzweige angeschnitten aber nicht zu Ende geführt. Ich erwarte ja nicht, dass jemand wie Patrick Süskind jede Geschichte meisterhaft zu Ende erzählt. Aber wenn es der Story null hilft, warum dann überhaupt irgendwie reinnehmen? Mussten da Zeichenvorgaben erfüllt werden? Und warum muss immer wieder erwähnt werden, dass Gereon Rath Kriminalkommissar ist? Ist der Leser so vergesslich? Mein Name ist Rath, Kriminalkommissar Gereon Rath. Nicht gerade sexy. Auch die Falldarstellung ist nicht gerade ansprechend. Sagen wir es mal so: Doyle wüsste mit den hier gegebenen Möglichkeiten ein packenderes Rätsel zu schaffen. Ich liebe Krimis, habe mich aber zu keinem Moment gefesselt genug gefühlt, bei der Spurensuche mitzumachen. Die Hinweise kamen auch wirklich auf absurde Weise ins Gespräch. Gereon schnüffelt im Zimmer seines Mitbewohners rum (vielleicht holt er auch nur den Autoschlüssel, um Schnecken zu checken) und plötzlich sieht er ein Blatt in der Schreibmaschine, auf dem wichtige Aspekte stehen, die er so noch gar nicht bedacht hatte, aber clever genug ist, sie zu verwenden − und das obwohl sein Mitbewohner von dem Fall gar nichts weiß. Und dann dröhnt er sich mit Kokain voll, nachdem er in einem geheimen Nachtclub gelandet ist, ohne danach zu suchen, und hat schon den größten aller Gangsterbosse Berlins vor sich, mit dem er was trinkt und nett plaudert. Und dann kommt die Stelle, an der man nur noch das Gefühl hat, dass der Autor unzufrieden mit der politischen Tragweite seines Werkes war, weshalb er noch hier und da ein paar fiese Rote und Braune eingebaut hat. Alle natürlich blind vor lauter Loyalität zu ihrer politischen Einstellung und auch ein bisschen dumm. Ich hoffe wirklich, dass die Filmemacher, die sich da unten auf der Straße tummeln, den Grundstoff in ein packendes Meisterwerk verpacken können. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei.

Zitat
Wie hatte das passieren können? Das Letzte, an das er sich jetzt erinnern konnte, war der Moment, in dem sie [Elisabeth Behnke] ihm das Du angeboten hatte, nachdem sie die Rumfalsche geleert hatten und bei Danziger Goldwasser angelangt waren. Sie hatten sich geküsst, das wusste er noch. Wie es eben so Sitte war bei Brüderschafttrinken. Aber wie lange? Und wie? Und danach? Fragen, die er allesamt nicht beantworten konnte. Die einzige Antwort war seine Zimmerwirtin, die neben ihm im Bett lag und gerade ihren üppigen Körper in den Morgen reckte. Sie blintzelte kurz in den Tag, dann war auch sie hellwach. Sie zog sich die Decke über den Busen. […] Sie machte Anstalten aufzustehen, dabei die Bettdecke als Kleidungsersatz nutzend, bis sie merkte, dass sie auf diese Weise Raths Männlichkeit freilegte. So verharrte sie zwischen Aufstehen und Wiederhinsetzen, als es an die Zimmertür klopfte. (S. 46)

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