Das grüne Zelt

Ljudmila Ulitzkaja zählt zu den bedeutendsten Autoren der russischen Gegenwartsliteratur. Als bekannt wurde, dass sie bei Samisdadveröffentlichungen beteiligt war, flog sie aus dem Akademie-Institut in Moskau, wo sie als Genetikerin arbeitete. Glück für uns! Denn dann fing sie an zu schreiben. Und ach, was sie so hervorbringt, muss einfach gelesen werden. Mein erster Roman, den ich von ihr las, was Das grüne Zelt und es wird wohl nicht der letzte bleiben.

Zum Inhalt
Der Erzähltext handelt von drei Jungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ilija, Sanja und Micha. In der Schule werden sie alle aufgrund unterschiedlicher Auslöser gehänselt und von den Halbstarken der Klasse bedroht. So dauert es nicht lange, bis sie sich zusammenschließen und eine Freundschaftdas grüne Zelt fürs ganze Leben entsteht. Bestärkt wird diese durch ihren Lehrer für Literatur Viktor Juljewitsch, der die Schüler auf Spaziergänge durch das alte Moskau mitnimmt und sie in die Tiefen der russischen Literatur geleitet. Die drei Freunde fangen an, sich mit der literarischen Tradition ihres Heimatlandes auseinanderzusetzen und politische Ideale zu erlangen. Diese werden auch ihr restliches Leben prägen. Nach Schulabschluss verlieren sich ihre Wege. Doch immer wieder treffen sie zusammen und bleiben die nächsten Verbündeten. Es wäre kein Roman von Ulitzkaja, wären die Protagonisten nicht durch das Schicksal verbunden.
Die Leben entwickeln sich unterschiedlich. Ilia wird auf der Suche nach seinem verschollenen Vater Fotograph. Doch was er in der Linse erfasst, freut nicht immer das Regime. Er lernt die Liebe seines Lebens kennen, doch es bleibt kompliziert. Sie verlässt ihren Mann für ihn und bringt ein Kind mit in die neue Beziehung. Ilia nimmt die Vaterrolle ein, nicht ganz ohne Probleme mit der neuen Verantwortung. Am Ende muss er aus der Sowjetunion fliehen, um sein Leben zu retten. Olga hört nur selten von ihm; zunächst, wie er sie vermisst, dann über eine Freundin, dass er heiratet − nach eigenen Angaben, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen… Doch auch wenn sie so viele Kilometer und Gedanken trennen, bleiben sie im Grunde für immer vereint.
Sanjas wichtigste Bezugsperson in der Familie bleibt seine Großmutter. Sie erzieht ihn im Sinne der russischen Intelligenzija. Bringt ihm Klavierspielen bei, die Liebe zur Kunst und Literatur. Er bleibt der Vernünftige der drei Freunde, kümmert sich um ihr Chaos und verzichtet dabei auf sehr vieles im Leben − auch auf die Liebe.
Micha wird Schriftsteller. Kein einfacher Beruf in der Sowjetunion der 1960er und 1970er Jahre. Für seine regimekritischen Schriften kommt er ins Lager. Er hinterlässt Frau und Kind, die er niemals wieder sehen wird.
Der Roman ist vielschichtig. Und wer jetzt glaubt, ich hätte den gesamten Plot verraten, der irrt. Es geht viel mehr, als um das Leben der drei Freunde. Es geht um den Lehrer Viktor Juljewitsch, der im Krieg nicht nur seinen Arm verlor, sondern auch den Glauben an sein Vaterland. Es geht um Olga, die von einer Tochter eines hochangesehenen Parteimitglieds, zu einer Widerstandskämpferin avanciert, es geht um die Sowjetunion der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und was sie mit dem Mensch anrichtete.

Das Besondere
Wenn man Ulitzkaja liest, fängt man an, von Tolstoi zu träumen. Sie erschafft literarische Gebilde, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft liefern, wie es nur der einstige Meister konnte. Man erlangt Einblicke in Sowjetunion der Breschnew-Ära, in die Oppositionsbewegungen und in die Freiheitsgedanken der damaligen Jugend. Der Roman spielt in den 1950er bis 1990er Jahren. Doch auch für politisch nicht ganz so stark interessierte, birgt das Buch viele Reize. Zum einen ist da die Auseinandersetzung mit der russischen Literatur. Das who-is-who ist hier versammelt und wird auf kunstvolle Weise in das Romangeschehen eingebunden. Und für die, die auch das nur wenig interessiert: die Freundschafts- und Liebesgeschichten sind Hollywood tauglich − ganz zu schweigen von der Rolle des Schicksals. Viel Spaß beim Lesen.

Lieblingszitat
Niemand kennt das Geheimnis, das Gesetz der unwiderstehlichen Kraft, die einen bestimmten Mann zu einer bestimmten Frau zieht. Der Prediger Salamo kannte es jedenfalls nicht. Mittelalterliche Legenden liefern eine gewisse Erklärung − Liebestränke. Also Gift. Wahrscheinlich das gleiche Gift, mit dem der allmächtige Eros seine operettenhaften Pfeile tränkte. Die Menschen der Neuzeit finden die Erklärung in den Hormonen, die den Instinkt der Arterhaltung steuern. Natürlich existiert zwischen dieser praktischen Aufgabe und der platonischen Liebe eine gewisse Kluft, sogar, modern ausgedrückt, eine kognitive Dissonanz. Der handfeste Zweck der Arterhaltung wird mit allen möglichen rituellen Schnörkeln kaschiert, mit Hochzeitssträußen, Popen, Stempeln mit Wappentier und so weiter, bis hin zum demonstrativ präsentierten blutbefleckten Laken. In diesem Sinne ist mit der Liebe alles mehr oder weniger klar.
Doch was ist mit der Freundschaft? Sie wird von keinem Urinstinkt gestützt. Sämtliche Philosophen der Welt (selbstredend Männer, Philosophinnen gab es vor Piama Gaidenko nicht, wenn man von der legendären Hypatia absieht) siedeln sie in der Hierarchie der Werte ganz oben an. Aristoteles liefert eine wunderbare Definition, die bis heute makellos scheint, im Gegensatz zu vielen anderen Ideen, die heute veraltet sind. Also − »die Freundschaft ist eine Tugend oder mit der Tugend verbunden. Ferner ist sie für das Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle anderen Güter.« (S. 435/436)

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